Wer so spricht, hat aus der Geschichte nichts gelernt

Es gibt Sätze, bei denen man zunächst hofft, sie seien falsch verstanden worden. Aus dem Zusammenhang gerissen. Ironisch gemeint. Zugespitzt, aber nicht ernsthaft. Doch irgendwann ist dieser Punkt überschritten. Dann bleibt nur noch die nüchterne Feststellung: Wer Stalin verherrlicht, wer Mao romantisiert, wer die DDR als politisches Vorbild verklärt, der spielt nicht mit Geschichte. Der spielt mit den Opfern.

Und ja: Ich bin wütend.

Ich bin wütend, weil hier nicht irgendeine historische Randfigur verharmlost wird. Es geht um Josef Stalin. Um einen Mann, dessen Herrschaft mit Terror, Lagerhaft, Deportationen, Zwang, Hunger, Erschießungen und politischer Säuberung verbunden ist. Stalin war nicht „streng“, nicht „konsequent“, nicht „ein Kind seiner Zeit“. Stalin war einer der größten Massenmörder der Weltgeschichte. In einer Reihe mit Hitler und Mao gehört er zu jenen Gestalten, deren Namen für das dunkelste Kapitel politischer Machtentfaltung stehen: für den Staat als Maschine der Unterdrückung.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob Stalin „schlimmer“ war als Hitler. Aber schon diese Diskussion hat etwas Beklemmendes. Denn sie führt in eine Rangliste des Grauens, als könne man Millionen Tote gegeneinander aufrechnen. Entscheidend ist: Stalin war kein romantischer Revolutionär. Er war kein missverstandener Modernisierer. Er war kein Symbol sozialer Gerechtigkeit. Er war ein Diktator, unter dessen Herrschaft unzählige Menschen entrechtet, verfolgt, verschleppt, gebrochen und getötet wurden.

Wer heute „Lang lebe Stalin“ schreibt oder entsprechende Symbolik pflegt, der offenbart entweder erschreckende historische Unkenntnis oder eine politische Haltung, die man nicht mehr verharmlosen darf.

Besonders irritierend ist dabei die politische Doppelmoral, die sich in solchen Fällen zeigt. Man stelle sich nur für einen kurzen Moment vor, eine vergleichbare Aussage wäre aus dem Umfeld der AfD gekommen. Man stelle sich vor, dort würden Funktionäre mit Symbolen einer Diktatur posieren, Massenmörder positiv darstellen oder Sätze verbreiten, nach denen eine politische Bewegung eben „Opfer“ fordere. Der öffentliche Aufschrei wäre gewaltig. Talkshows, Leitartikel, Parteiausschlussforderungen, Mahnungen vor der Gefährdung der Demokratie – alles mit voller Lautstärke.

Und in diesem Fall?

Natürlich gibt es Kritik. Natürlich gibt es Distanzierungen. Aber die Frage bleibt: Wird hier mit derselben moralischen Entschlossenheit reagiert? Wird hier mit derselben politischen Schärfe gefragt, welche geistige Verwahrlosung dahintersteht? Oder greift wieder der alte Reflex, nach dem autoritäres Denken von links irgendwie milder, jugendlicher, idealistischer oder weniger gefährlich sei?

Genau dieser Reflex ist gefährlich.

Eine Diktatur wird nicht besser, weil sie rote Fahnen trägt. Ein Lager wird nicht menschlicher, weil es im Namen einer angeblich besseren Zukunft errichtet wird. Eine Mauer wird nicht demokratischer, weil sie sich „antifaschistisch“ nennt. Und politische Gewalt wird nicht moralisch, nur weil sie mit dem Wort „Revolution“ geschmückt wird.

Das ist der Kern des Problems: Die Verherrlichung linker Diktaturen wird in Deutschland häufig anders behandelt als die Verherrlichung rechter Diktaturen. Bei rechten Symbolen ist die Empörung sofort da – und das ist auch richtig. Aber bei Stalin, Mao oder der DDR beginnt viel zu oft das Relativieren. Dann heißt es, man müsse das historisch einordnen. Man müsse die sozialen Errungenschaften sehen. Man dürfe nicht alles über einen Kamm scheren. Man müsse verstehen, woher diese Sehnsucht komme.

Verstehen darf niemals bedeuten, zu entschuldigen. Historische Einordnung darf nicht zur moralischen Ausrede werden. Wer Stalin verherrlicht, tritt nicht für soziale Gerechtigkeit ein. Er verhöhnt die Opfer des Stalinismus. Wer Mao verklärt, ignoriert die Opfer politischer Gewalt und katastrophaler Herrschaft. Wer die DDR romantisiert, übersieht Mauer, Stasi, politische Haft, Zensur und den zerstörerischen Eingriff des Staates in das Leben des einzelnen Menschen.

Besonders erschütternd ist der Satz, die Revolution fordere Opfer. Dieser Satz ist nicht einfach nur geschmacklos. Er ist ein Warnsignal. Denn genau so sprechen politische Bewegungen, die den einzelnen Menschen dem angeblich höheren Ziel unterordnen. Erst kommt das Ziel. Dann kommt die Bewegung. Dann kommt die Partei. Und irgendwann kommt der Mensch nur noch als Material vor.

Das ist die Denkform des Totalitarismus.

Demokratie beginnt dagegen mit dem Gegenteil. Sie beginnt mit der Würde des einzelnen Menschen. Sie beginnt mit der Begrenzung von Macht. Sie beginnt mit Meinungsfreiheit, Rechtsstaat, Gewaltenteilung und der Einsicht, dass kein politisches Ziel den Menschen zum Opfermaterial machen darf.

Wer das nicht versteht, ist für demokratische Verantwortung ungeeignet – gleichgültig, ob er sich links, rechts oder sonst wie nennt.

Es geht deshalb nicht um parteipolitische Häme. Es geht nicht darum, aus einem Skandal bei der Linksjugend billiges Kapital zu schlagen. Es geht um einen Maßstab, der für alle gelten muss. Wer Hitler verherrlicht, stellt sich außerhalb des demokratischen Konsenses. Wer Stalin verherrlicht, tut es ebenfalls. Wer Mao verklärt, ebenso. Wer Diktaturen romantisiert, hat den Boden der freiheitlichen Demokratie verlassen.

Die Opfer des Stalinismus verdienen keine Fußnoten. Sie verdienen Erinnerung. Sie verdienen Klarheit. Sie verdienen, dass man ihre Leiden nicht unter roten Fahnen, revolutionären Parolen oder ideologischen Träumereien verschwinden lässt.

Eine demokratische Gesellschaft darf bei der Verherrlichung von Diktaturen nicht nach politischer Richtung unterscheiden. Sie muss dort widersprechen, wo Menschenverachtung beginnt. Sie muss dort klar werden, wo Gewalt ästhetisiert wird. Sie muss dort laut werden, wo Massenmörder zu Vorbildern verklärt werden.

„Lang lebe Stalin“ ist kein jugendlicher Fehltritt. Es ist eine politische Bankrotterklärung. Und wer darauf nur mit Achselzucken reagiert, hat das Problem nicht verstanden.