Wer von Bürgern verpflichtend finanzierte Beiträge erhält, muss sich Fragen zur Verwendung dieses Geldes gefallen lassen. Das gilt insbesondere dann, wenn Rechnungshöfe Unklarheiten bei der Kostenzuordnung, der Buchungssystematik oder der Wirtschaftlichkeitskontrolle feststellen.

Vom Norddeutschen Rundfunk sollte man in einer solchen Situation erwarten dürfen, dass er transparent, nachvollziehbar und konkret antwortet. Schließlich handelt es sich nicht um ein privates Medienunternehmen, das ausschließlich gegenüber seinen Eigentümern Rechenschaft abzulegen hat. Der NDR ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts und wird zu einem erheblichen Teil durch den Rundfunkbeitrag finanziert.

Genau deshalb wurde dem NDR am 6. Juli 2026 eine ausführliche und sachlich formulierte Anfrage übersandt. Darin wurden sieben konkrete Fragen zu den Feststellungen der Rechnungshöfe im Zusammenhang mit den Auslandsstudios gestellt.

Die Antwort des NDR ist jedoch ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie man auf eine detaillierte Anfrage reagieren kann, ohne ihren wesentlichen Inhalt tatsächlich zu beantworten.

Die Fragen waren eindeutig

Gefragt wurde unter anderem:

  • Warum wurden die betreffenden Aufwendungen nicht von Anfang an vollständig und sachgerecht den Auslandsstudios zugeordnet?
  • Welche internen Kontrollmechanismen haben diese unvollständige Kostenzuordnung nicht erkannt oder nicht korrigiert?
  • Wer war für die Kostenrechnung und die Zuordnung der Aufwendungen zu den Auslandsstudios verantwortlich?
  • Welche konkreten organisatorischen Änderungen wurden nach dem Bericht der Rechnungshöfe beschlossen?
  • Wird geprüft, ob durch die bisherige Kostenverteilung dem NDR ein finanzieller Nachteil entstanden ist?
  • Wird geprüft, ob verantwortliche Personen gegen interne, haushaltsrechtliche oder sonstige Pflichten verstoßen haben?
  • Und wie wird künftig sichergestellt, dass Beitragsmittel vollständig, transparent und verursachungsgerecht ausgewiesen werden?

Das sind keine polemischen Fragen. Es sind normale und berechtigte Fragen nach Verantwortung, Kontrolle, Kostenwahrheit und möglichen Konsequenzen.

Jedes Unternehmen, jeder Selbständige und jeder Vereinsvorstand müsste auf solche Fragen substantielle Antworten geben, sobald erhebliche finanzielle Unklarheiten festgestellt werden.

Der NDR offenbar nicht.

Die Antwort: viele Begriffe, kaum Inhalt

Der NDR teilte mit, die ARD habe die Auslandsstudios im Jahr 2025 im Hinblick auf die crossmediale Arbeit neu ausgerichtet. Diese Umstellung betreffe auch Organisation und Finanzierung.

Die Landesrechnungshöfe hätten darauf hingewiesen, dass bei der Neuregelung im Hinblick auf die Buchungssystematik „nachzuschärfen“ sei.

Darüber hinaus werde ein zentrales Tool zur einheitlichen Erfassung des Outputs der Auslandsstudios getestet. Eine Evaluierung sei ebenfalls vorgesehen.

Damit endet die inhaltliche Auskunft bereits.

  • Kein Verantwortlicher wird genannt.
  • Keine konkrete Ursache wird erklärt.
  • Kein mögliches Kontrollversagen wird näher untersucht oder zumindest erläutert.
  • Keine Summe wird beziffert.
  • Keine zeitliche Entwicklung wird dargestellt.
  • Keine organisatorische Maßnahme wird konkret beschrieben.
  • Keine einzige der sieben Fragen wird vollständig beantwortet.

Stattdessen erhält der Beitragszahler eine sprachlich sorgfältig geglättete Mitteilung, die hauptsächlich aus Verwaltungsbegriffen besteht.

„Neuausrichtung“, „crossmediale Arbeit“, „Buchungssystematik“, „Nachschärfung“, „zentrales Tool“ und „Evaluierung“ – all diese Begriffe erzeugen den Eindruck von Aktivität. Sie ersetzen jedoch keine Rechenschaft.

„Nachschärfen“ klingt angenehmer als Kontrollversagen

Besonders bemerkenswert ist die Formulierung, bei der Buchungssystematik müsse „nachgeschärft“ werden.

Dieses Wort ist kommunikativ ausgesprochen bequem. Es klingt nach einer geringfügigen technischen Feinjustierung. Fast so, als müsse lediglich eine Softwareeinstellung verändert oder eine interne Tabelle ergänzt werden.

Doch wenn Kosten in Millionenhöhe nicht dort ausgewiesen werden, wo sie wirtschaftlich verursacht werden, geht es nicht lediglich um ein technisches oder buchhalterisches „Nachschärfen“.

Dann geht es um die Aussagekraft der gesamten Kostenrechnung.

Dann stellt sich die Frage, ob Wirtschaftlichkeitsvergleiche überhaupt belastbar waren.

Dann stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage Gremien, Intendanten und Verwaltungsverantwortliche Entscheidungen getroffen haben.

Und dann stellt sich vor allem die Frage, ob die Öffentlichkeit über die tatsächlichen Kosten einzelner Strukturen ausreichend informiert wurde.

Wer diese Fragen auf eine vermeintliche Buchungssystematik reduziert, verharmlost den eigentlichen Vorgang.

Kosten müssen nicht nur erfasst, sondern richtig zugeordnet werden

Entscheidend ist nicht allein, ob Ausgaben „irgendwo“ im Rechnungswesen verbucht worden sind.

Eine Ausgabe kann formal erfasst und dennoch sachlich falsch zugeordnet sein.

Genau darin liegt das Problem.

Wenn Kosten, die wirtschaftlich einem Auslandsstudio zuzurechnen sind, an anderer Stelle erscheinen, wirken die Auslandsstudios günstiger, als sie tatsächlich sind. Andere Bereiche erscheinen im Gegenzug möglicherweise teurer.

Damit wird die Grundlage jeder Wirtschaftlichkeitsprüfung verzerrt.

Eine seriöse Kostenrechnung muss daher nicht nur vollständig sein. Sie muss verursachungsgerecht sein.

Das ist betriebswirtschaftliches Grundwissen.

Wer wissen möchte, was ein Produkt, eine Dienstleistung, ein Standort oder ein Auslandsstudio tatsächlich kostet, muss sämtliche zurechenbaren Kosten berücksichtigen. Andernfalls entsteht keine transparente Kostenrechnung, sondern ein zumindest unvollständiges und möglicherweise erheblich verzerrtes Bild.

Ob diese Verzerrung vorsätzlich, fahrlässig oder aufgrund mangelhafter Strukturen entstanden ist, lässt sich anhand der Antwort des NDR nicht beurteilen.

Der NDR trägt allerdings auch nichts dazu bei, diese Frage zu klären.

Wer trägt die Verantwortung?

Eine der zentralen Fragen lautete, wer für die Kostenrechnung und die Zuordnung der Aufwendungen verantwortlich war.

Diese Frage ist keineswegs nebensächlich.

In jeder Organisation gibt es Zuständigkeiten. Es gibt Fachabteilungen, Vorgesetzte, Controllingstellen, Finanzverantwortliche, interne Revisionen, Verwaltungsdirektoren und letztlich die Leitungsebene.

Wenn Rechnungshöfe über einen längeren Zeitraum erhebliche Mängel feststellen, genügt es nicht, auf Prozesse und Systeme zu verweisen.

Systeme handeln nicht.
Buchungssystematiken entscheiden nicht selbständig.
Tools übernehmen keine Verantwortung.
Verantwortung tragen Menschen.
Gerade an diesem Punkt schweigt die Antwort des NDR vollständig.

Es wird weder erläutert, welche Stelle bisher zuständig war, noch wer künftig die Verantwortung übernehmen soll. Auch die Frage, warum interne Kontrollmechanismen die Probleme offenbar nicht frühzeitig festgestellt haben, bleibt unbeantwortet.

Der Eindruck drängt sich auf, dass Verantwortung möglichst in abstrakten Strukturen aufgelöst werden soll.

Ein neues Tool ersetzt keine Erklärung

Der NDR verweist darauf, dass zur Erfassung des Outputs der Auslandsstudios ein zentrales Tool getestet werde.

Das mag organisatorisch sinnvoll sein. Es beantwortet jedoch die gestellten Fragen nicht.

Ein Instrument zur Erfassung von Beiträgen, Sendungen oder sonstigem journalistischem Output erklärt nicht, warum Kosten bislang möglicherweise nicht sachgerecht zugeordnet wurden.

Output und Kosten sind zwei unterschiedliche Größen.

Ein Auslandsstudio kann zahlreiche Beiträge produzieren und dennoch unwirtschaftlich arbeiten. Umgekehrt kann ein Studio weniger sichtbaren Output erzeugen, aber aufgrund seiner strategischen Bedeutung trotzdem gerechtfertigt sein.

Gerade deshalb müssen Leistung und Kosten getrennt und zugleich transparent ausgewiesen werden.

Der Hinweis auf ein neues Tool wirkt daher eher wie ein Ausweichmanöver: Man verweist auf eine künftige technische Lösung, um nicht erklären zu müssen, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist.

Evaluierung als Beruhigungsformel

Auch der Hinweis auf eine vorgesehene Evaluierung ist wenig überzeugend.

Eine Evaluierung ist zunächst nichts anderes als eine angekündigte Prüfung.

Offen bleibt:

  • Wer evaluiert?
  • Was genau wird geprüft?
  • Nach welchen Kriterien?
  • Bis wann liegt ein Ergebnis vor?
  • Wer erhält den Bericht?
  • Wird der Bericht veröffentlicht?
  • Werden daraus personelle, organisatorische oder finanzielle Konsequenzen gezogen?

Ohne Antworten auf diese Fragen ist das Wort „Evaluierung“ kaum mehr als eine Beruhigungsformel.

Es signalisiert: Wir kümmern uns darum.Es belegt aber nicht, dass tatsächlich umfassend aufgeklärt wird.

Der Maßstab für kleine Unternehmen ist strenger

Besonders ärgerlich ist die erkennbare Ungleichheit der Maßstäbe.

Ein kleines Unternehmen muss jede Ausgabe dokumentieren. Es muss Belege aufbewahren, Kosten sachgerecht verbuchen, betriebliche und private Vorgänge trennen und gegenüber Finanzamt, Banken, Prüfern oder Geschäftspartnern Auskunft geben können.

Fehlerhafte Buchungen können zu Steuernachzahlungen, Prüfungsfeststellungen, Zinsforderungen und weiteren Konsequenzen führen.

Von Unternehmern wird zu Recht erwartet, dass sie ihre Zahlen im Griff haben.

Bei einer beitragsfinanzierten Anstalt des öffentlichen Rechts, die mit erheblichen Summen arbeitet, müsste der Maßstab mindestens ebenso streng sein.

Tatsächlich entsteht jedoch der gegenteilige Eindruck.

Wo ein kleines Unternehmen konkret erklären müsste, wer wann was gebucht hat, warum Kosten falsch zugeordnet wurden und welche Korrekturen vorgenommen werden, begnügt sich der NDR mit einigen allgemeinen Sätzen aus der Unternehmenskommunikation.

Das ist weder transparent noch überzeugend.

Öffentlich-rechtliche Medien fordern Antworten – geben sie aber selbst nicht

Der NDR und andere öffentlich-rechtliche Medien treten regelmäßig als Kontrolleure von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf.

  • Journalisten fragen nach Verantwortlichen.
  • Sie verlangen Akteneinsicht.
  • Sie kritisieren ausweichende Antworten.
  • Sie berichten über mangelnde Transparenz.
  • Sie beanstanden, wenn Ministerien auf konkrete Fragen mit allgemeinen Formulierungen reagieren.

All das ist richtig und notwendig.

Doch dieselben Maßstäbe müssen auch dann gelten, wenn die eigene Institution betroffen ist.

Wer Transparenz von anderen einfordert, darf sich selbst nicht hinter Pressestellen, abstrakten Prozessen und Kommunikationsfloskeln verstecken.

Andernfalls entsteht ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem.

Keine Unterstellung – aber berechtigte Kritik an institutioneller Abwehr

Aus der vorliegenden Antwort lässt sich nicht ableiten, dass Gelder verschwunden sind oder dass strafbare Handlungen begangen wurden.

Eine solche Behauptung wäre ohne belastbare Belege nicht zulässig.Sehr wohl lässt sich jedoch feststellen, dass der NDR die konkreten Fragen nicht beantwortet hat.

Es entsteht zudem der Eindruck, dass die Unternehmenskommunikation weniger auf Aufklärung als auf Begrenzung der öffentlichen Debatte ausgerichtet ist.

Die Antwort minimiert das Problem sprachlich, verschiebt die Aufmerksamkeit auf künftige technische Lösungen und vermeidet jede Aussage über Verantwortung oder mögliche Konsequenzen.

Das ist institutionelle Abwehrkommunikation in nahezu mustergültiger Form.

Was der NDR beantworten müsste

Eine ernsthafte Antwort hätte mindestens folgende Punkte enthalten müssen:

  • Welche Kosten wurden bislang welchem Bereich zugeordnet?
  • Welche Zuordnungen wurden von den Rechnungshöfen beanstandet?
  • Wie hoch waren die betroffenen Beträge in den einzelnen Jahren?
  • Warum wurde die bisherige Systematik verwendet?
  • Welche Abteilungen waren daran beteiligt?
  • Wann wurde das Problem erstmals intern erkannt?
  • Welche Kontrollstellen haben die Kostenrechnung geprüft?
  • Warum wurde der Fehler nicht früher korrigiert?
  • Welche konkreten Veränderungen wurden beschlossen?
  • Wer trägt die Verantwortung für die Umsetzung?
  • Bis wann wird die Kostenrechnung vollständig korrigiert?
  • Werden die Ergebnisse und die tatsächlichen Kosten der Auslandsstudios veröffentlicht?
  • Und schließlich: Welche Konsequenzen werden gezogen, wenn sich herausstellt, dass interne Pflichten verletzt wurden?

Das wären Antworten,Hinweise auf ein Tool und eine Evaluierung ist keine.

Fazit: Der Beitragszahler wird nicht ernst genommen

Die Antwort des NDR ist nicht deshalb unbefriedigend, weil sie kurz ist.

Sie ist unbefriedigend, weil sie den Kern der Anfrage systematisch umgeht.

  • Sie beantwortet keine Verantwortungsfrage.
  • Sie erläutert keinen konkreten Fehler.
  • Sie nennt keine Summe.
  • Sie beschreibt keine nachvollziehbare Konsequenz.
  • Sie schafft keine Transparenz.

Von einer öffentlich-rechtlichen Institution, die mit verpflichtend erhobenen Beiträgen finanziert wird, darf mehr erwartet werden.

Der NDR sollte nicht nur erklären, dass er „nachschärft“, „evaluiert“ und ein „Tool testet“. Er sollte offenlegen, was falsch gelaufen ist, wie groß die finanziellen Auswirkungen waren, wer dafür verantwortlich war und wie eine Wiederholung verhindert wird.

Solange er dazu nicht bereit ist, bleibt der Eindruck bestehen, dass der Beitragszahler zwar zahlen soll, aber bei unangenehmen Fragen mit professionell formulierten Textbausteinen abgespeist wird.
Das ist kein überzeugender Umgang mit öffentlichem Geld.
Und es ist erst recht kein überzeugender Umgang mit der Öffentlichkeit.