Seit über 20 Jahren arbeite ich im Bildungsbereich. Ich habe viele Klassen, Kurse, Teilnehmer und Studenten erlebt. Ich habe gute Entwicklungen gesehen, engagierte Menschen kennengelernt und immer wieder erlebt, dass Bildung Leben verändern kann.
Aber ich erlebe auch eine Entwicklung, die mich zunehmend frustriert.
Mein Eindruck ist: Das Bildungsniveau sinkt.
Und zwar nicht nur an einer einzelnen Stelle, sondern auf mehreren Ebenen zugleich. Es betrifft nicht nur Schulen, nicht nur Berufsschulen, nicht nur Umschulungen, nicht nur Universitäten. Es ist ein breiteres Problem geworden.
Dabei geht es mir nicht darum, pauschal über junge Menschen zu schimpfen. Das wäre zu einfach. Es gibt auch heute sehr fleißige, kluge und interessierte Menschen. Aber insgesamt nehme ich eine Verschiebung wahr, die man nicht einfach ignorieren sollte.
Das Bildungsniveau sinkt auf vielen Ebenen
Viele Grundlagen, die früher selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Lesen, Schreiben, Rechnen, konzentriertes Arbeiten, logisches Denken, sauberes Formulieren – all das ist bei vielen schwächer geworden.
Das bedeutet nicht, dass Menschen dümmer geworden sind. Das wäre eine falsche und ungerechte Aussage. Aber die Grundlagen sind oft weniger sicher.
- Viele haben Schwierigkeiten, längere Texte zu erfassen.
- Viele tun sich schwer, Zusammenhänge zu erkennen.
- Viele können einzelne Informationen wiedergeben, aber sie können diese Informationen nicht sinnvoll verbinden.
Bildung besteht aber nicht nur daraus, einzelne Fakten zu kennen. Bildung bedeutet, Zusammenhänge zu verstehen. Bildung bedeutet, Fragen zu stellen. Bildung bedeutet, Begriffe richtig einzuordnen. Bildung bedeutet auch, Unsicherheit auszuhalten und trotzdem weiterzudenken.
Genau hier sehe ich einen Verlust.
Die Bereitschaft zur Leistung nimmt ab
Ein weiteres Problem ist die nachlassende Bereitschaft, sich wirklich anzustrengen. Lernen ist nicht immer angenehm. Lernen ist manchmal mühsam. Wer etwas verstehen will, muss wiederholen, üben, Fehler machen und neu anfangen. Das gehört dazu. Bildung ohne Anstrengung gibt es nicht.
Heute scheint aber immer stärker die Erwartung zu entstehen, dass Lernen leicht, schnell und bequem sein müsse. Sobald etwas schwieriger wird, wird es als Zumutung empfunden. Aufgaben sollen möglichst kurz sein. Texte sollen möglichst einfach sein. Prüfungen sollen möglichst vorhersehbar sein. Ergebnisse sollen möglichst ohne große Mühe erreicht werden.
Das ist gefährlich: Leistung ist kein Feind des Menschen. Leistung kann stolz machen. Leistung kann Selbstvertrauen schaffen. Wer merkt, dass er etwas Schwieriges geschafft hat, wächst daran.
Wer aber nie gefordert wird, bleibt unter seinen Möglichkeiten.
Intellektuelle Bequemlichkeit breitet sich aus
Besonders problematisch ist eine Form der geistigen Bequemlichkeit. Viele Menschen wollen heute schnelle Antworten, aber keine längeren Erklärungen. Sie wollen eine Meinung haben, aber den Weg zu dieser Meinung nicht gehen. Sie wollen urteilen, aber nicht prüfen. Sie wollen mitreden, aber nicht lesen.
Das führt zu einer oberflächlichen Form von Wissen. Man kennt Schlagworte, aber keine Hintergründe. Man kennt Positionen, aber keine Begründungen. Man kennt Meinungen, aber keine Gegenargumente.
Dabei ist Denken Arbeit. Wirkliches Denken bedeutet, sich mit anderen Ansichten auseinanderzusetzen. Es bedeutet, die eigene Meinung zu prüfen. Es bedeutet, auch einmal festzustellen: Vielleicht habe ich mich geirrt. Diese Bereitschaft wird seltener. Viele wollen bestätigt werden, nicht herausgefordert. Viele suchen nicht Erkenntnis, sondern Zustimmung.
Wissen wird manchmal zu eng gelenkt
Grenzwertig wird es dort, wo Bildung nicht mehr breit angelegt ist, sondern in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.
Bildung sollte Menschen befähigen, selbstständig zu denken. Sie sollte nicht nur eine vorgegebene Sichtweise vermitteln. Natürlich braucht Bildung Werte. Natürlich braucht Bildung Orientierung.
Aber Bildung darf nicht zur geistigen Schmalspur werden.
Ein gebildeter Mensch sollte verschiedene Perspektiven kennen. Er sollte historische, wirtschaftliche, rechtliche, gesellschaftliche und ethische Zusammenhänge einordnen können. Er sollte nicht nur lernen, was er denken soll, sondern wie er prüfen kann.
Wenn Kenntnisse nur noch in eine enge Richtung vermittelt werden, entsteht kein mündiger Mensch. Es entsteht ein Mensch mit vorgefertigten Antworten.
Das ist nicht Bildung. Das ist Dressur des Denkens.
Gerade in einer freien Gesellschaft ist breite Bildung notwendig. Wer nur eine Sicht kennt, ist leicht beeinflussbar. Wer verschiedene Sichtweisen kennt, kann vergleichen, abwägen und begründen. Genau das braucht eine Demokratie.
Der zunehmende Individualismus erschwert gemeinsames Lernen
Ein weiterer Punkt ist der steigende Individualismus, der grundsätzlich etwas Wertvolles ist. Jeder Mensch hat eigene Fähigkeiten, eigene Erfahrungen und eigene Lebenswege. Bildung muss Menschen ernst nehmen. Sie darf niemanden über einen Kamm scheren.
Aber Individualität darf nicht bedeuten, dass jeder nur noch sich selbst sieht.
Gemeinsames Lernen braucht Regeln. Es braucht Rücksicht. Es braucht Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Aufmerksamkeit. Es braucht die Fähigkeit, sich auch einmal einzuordnen. Es braucht die Bereitschaft, nicht jede persönliche Befindlichkeit sofort zum Mittelpunkt zu machen.
Wenn aber jeder nur noch fragt, was ihm persönlich gerade passt, wird gemeinsames Lernen schwierig. Dann geht der Blick für die Gruppe verloren. Dann wird Unterricht nicht mehr als gemeinsamer Prozess verstanden, sondern als Dienstleistung, die möglichst angenehm zu sein hat.
Was mich daran besonders frustriert
Mich frustriert diese Entwicklung, weil ich weiß, wie viel möglich wäre. Ich habe erlebt, wie Menschen durch Bildung selbstbewusster wurden. Ich habe erlebt, wie Teilnehmer plötzlich verstanden haben, dass sie mehr können, als sie dachten. Ich habe erlebt, wie ein schwieriges Thema zuerst Ablehnung auslöste und später Stolz, weil es verstanden wurde. Deshalb macht es mich traurig, wenn Bildung immer weiter vereinfacht, verkürzt und entkernt wird.
Wir helfen Menschen nicht, wenn wir Ansprüche immer weiter senken. Wir helfen ihnen auch nicht, wenn wir jede Schwierigkeit sofort entfernen. Wir helfen ihnen, wenn wir sie ernst nehmen. Und ernst nehmen bedeutet auch: ihnen etwas zutrauen.
Ein Mensch wächst nicht daran, dass man ihm alles abnimmt. Er wächst daran, dass man ihn fordert, begleitet und unterstützt.
- Bildung braucht wieder mehr Tiefe, mehr Mut zur Tiefe.
- Mehr Mut zu Grundlagen. Lesen, Schreiben, Rechnen und Denken dürfen nicht als Nebensachen behandelt werden. Sie sind der Kern jeder weiteren Bildung.
- Mehr Mut zur Leistung. Nicht als kalte Härte, sondern als ehrliche Förderung. Wer etwas lernen soll, muss auch gefordert werden dürfen.
- Mehr Mut zur Breite. Bildung darf nicht eng, einseitig oder ideologisch verengt sein. Sie muss verschiedene Perspektiven zeigen und den Menschen befähigen, selbst zu urteilen.
Und wir brauchen wieder mehr Mut zur Verantwortung. Bildung gelingt nicht allein durch Systeme, Lehrpläne, Methoden oder digitale Werkzeuge. Bildung gelingt nur, wenn Menschen bereit sind, sich darauf einzulassen.
Lehrer können viel tun. Dozenten können viel erklären. Schulen, Bildungsträger und Universitäten können Strukturen schaffen. Aber lernen muss am Ende jeder selbst.
Genau diese einfache Wahrheit scheint heute manchmal verloren zu gehen.
