Es gibt Staaten, die wollen als Weltmacht gelten, und es gibt Staaten, die benehmen sich wie ein beleidigter Alleinunterhalter im Bierzelt. Moskau hat sich im Fall Jacques Tilly entschieden, lieber Letzteres zu sein.

Man muss sich die Fallhöhe auf der Zunge zergehen lassen: Hier ein Regime mit Raketen, Gefängnissen, Geheimdiensten und imperialem Tonfall. Dort ein Wagenbauer aus Düsseldorf mit Satire, Spott und Pappmaché. Und wer fühlt sich bedroht? Richtig. Nicht der Karnevalist.

Das ist die eigentliche Pointe dieses Urteils. Es soll Härte zeigen und beweist Mimose. Es will Größe ausstellen und offenbart Dünnhäutigkeit. Wer einen Satiriker in Abwesenheit zu Jahren der Haft verurteilt, weil er den Herrscher lächerlich gemacht hat, sagt im Grunde: Bitte lacht nicht, es trifft uns sehr.

Diktaturen haben bekanntlich viele Feinde. Freie Presse, Opposition, unabhängige Gerichte, offene Wahlen. Aber fast noch schlimmer ist für sie der Witz. Denn Kritik kann man verbieten, verleumden oder wegsperren. Gelächter ist schwieriger. Es frisst sich durch jeden Kult, durch jede Pose, durch jedes martialische Bühnenbild. Ein guter Spott macht aus dem starken Mann eine Figur. Und genau das ist offenbar unverzeihlich.

So betrachtet, ist das Urteil gegen Tilly eine Art amtliche Kunstkritik aus Moskau. Der Staat bescheinigt dem Künstler unfreiwillig höchste Wirksamkeit. Nicht jeder Satiriker kann von sich sagen, dass eine Atommacht wegen seiner Arbeit die Nerven verloren hat.

Am Ende bleibt also ein erstaunlich ehrliches Bild russischer Macht. Nach außen Stahl, nach innen Glas. Laut im Ton, schwach im Gemüt. Das Gericht wollte offenbar einen Künstler einschüchtern. Tatsächlich hat es nur eines geschafft: zu beweisen, dass ein Karnevalswagen mehr Sprengkraft entfalten kann als manche Regierungserklärung.

Wer so urteilt, verurteilt am Ende vor allem sich selbst. Nicht wegen des Strafmaßes. Sondern wegen der Blöße, die er sich gibt. Ein Regime, das sich durch Satire existentiell beleidigt fühlt, hat längst verstanden, wie gefährlich der Witz ist. Und genau deshalb hat Jacques Tilly schon gewonnen.