Lassen wir uns wirklich zu viel gefallen?

Einen Einstieg in dieses Thema zu finden, ist nicht einfach, zumal mit Sicherheit keine eindeutige Antwort geben kann, die eine finale Lösung geben wird.

Allein ein Ansatz sollte wohl möglich sein, Gedanken müssen formuliert werden, um dadurch die geneigten Leser dieses Beitrags zum Nachdenken anzuregen

Beginnen wir also damit, Fragen zu formulieren, um sicherlich auch gewagte Thesen in den virtuellen Raum zu stellen.


Deutsche Angst: Von der Existenzangst zur ökonomischen Furcht

Ist es eine allgemeine, latent vorhanden Angst, die uns Deutsche dazu bringt, einer kleinen Gruppe Personen schier bedingungslos zu folgen?

Woher kommt dieses primäre negative Gefühl?

Geht es uns Deutsche ausschließlich um das persönliche Wohlbefinden, die gesellschaftliche Integration und die damit verbundene potentielle Anerkennung andere Menschen, auf hoheitlicher Ebene der anderen Staaten?

Um einen Lösungsansatz zu finden, benutzen wir historische Aspekte, die unsere Geschichte geprägt haben, tauchen wir in die Wirren der Mitte des 19 Jahrhundert sein.

In den Jahren um 1848-1849 sind ersten Ansätze in Deutschland erkennbar, dass die Bevölkerung eine andere, demokratische und von der Bevölkerung ausgehende Politik wollten.

Es sollte ein einheitlicher Nationalstaat entstehen, der von einer gewählten Gruppe geführt werden sollte, das „Deutsche Reich“ war zumindest aus Sicht der „Frankfurter Nationalversammlung“ präsent, teilweise international anerkannt.

Es liegt auf der Hand, dass der Demokratiebegriff in dieser Zeit nicht mit dem der heutigen zu vergleichen ist, daher auch das Wort „Ansätze“.

Allgemein ist es sehr schwer, in einer moderneren Zeit zu leben und vorherige Zeiträume zu bewerten, doch dies ist ein differentes Thema.

Die politisch bedeutenden Staaten, Österreich und Preußen, konnten sich nicht mit dieser neuen Form identifizieren und stellten sich politisch und später militärisch gegen die „Deutsche Revolution“ und wie zu erwarten war, wurden die Bestrebungen niedergeschlagen.

Auch wenn 1849/1850 aus Erfurt eine weitere Anstrengung ausging, eine Einigung zu erreichen, es war zu spät: Die Gewalt obsiegte.

Die Revolutionen waren gescheitert, die politische Macht war stärker als der Wille des Volkes und es ist nachvollziehbar, dass die aktiven Kinder der Revolution, man denke hier exemplarisch an Richard Wagner, fliehen mussten, um sich den Sanktionen der siegenden Macht zu entziehen, die ersten Ängste drangen in die Gene der deutschen Bevölkerung ein.

Die folgenden Jahre waren relativ ruhig, erst mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 kam die bereits vorher gewünschte Vereinigung der Kleinstaaten zustande und das Leben der Bevölkerung konnte man als „verbessert“ betrachten, ohne die vielen Probleme wie Krankheiten, Hunger, Arbeitsbedingungen und mangelnde Gleichstellung zu übersehen.

Es ist ein Faktum, dass das Leben besser wurde, dabei ohne alles andere als optimal zu sein.

Die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (1900), das Etablieren eines Sozialversicherungssystems und eines besseren Verwaltungsapparates stabilisieren das Leben und ein großer Teil der Bevölkerung konnte von der ökonomischen Verbesserung profitieren.


Ökonomische Verhältnisse vor dem 1. Weltkrieg (Auszug)

Eine ökonomische Stabilität ist vorhanden, technische Entwicklungen vereinfachten das Leben der Menschen und führen sicherlich dazu, dass der Wunsch des Abschaffens der Monarchie und die Einführung der Demokratie unbedeutend wurde.


Deutschland und der 1. Weltkrieg

Der 1. Weltkrieg beginnt, Millionen von Menschen verlieren ihr Leben, Staaten leben ihre über Jahrhunderte aufgestauten Animositäten aus und verfolgen ihre ökonomischen Ziele (siehe Grafik).

Den Menschen geht es schlechter, Entbehrungen nehmen zu, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit steigt; die pure Existenzangst beeinflusst das Denken und Handeln der Bevölkerung.

Kurz nach dem Ende des Weltkrieges beginnt das politische Aufräumen, die Macht der Monarchie ist auf den Schlachtfeldern verloren gegangen, die Schuldigen werden gesucht und gefunden.

Der deutsche Kaiser muss abdanken, die Weimarer Republik beginnt und hat die Pflicht, mit den irrsinnigen Konditionen des „Versailler Vertrags“ dieses Land führen; der Bevölkerung geht es, trotz der politischen Neuorientierung ökonomisch nicht besser.

Die ökonomische Belastung für die deutsche Bevölkerung war kaum zu bewältigen, die Errungenschaften vor dem 1. Weltkrieg gingen zum großen Teil verloren.

Der neue deutsche Staat verliert Territorien, exemplarisch seien hier die Ostgebiete zu nennen, die an Polen (z.B. Westpreußen) abgegeben wurden.

In diesen Regionen kommt es zu Pogromen gegen die deutsche Bevölkerung, die ersten Flüchtlingswellen entstehen.

Es ist bezeichnend, dass in der heutigen Bildungspolitik diese Tatsachen unterschlagen werden.

Angst vor dem Neuen die Trauer um das Verlorene begründen die neu aufkeimenden Beklemmungen um das eigene wirtschaftliche Dasein und bietet den Nährboden für politische Agitatoren (Adolf Hitler), die bewusst oder unbewusst die Situation ausnutzen können und leider auch werden.


Dann das Jahr 1929, die von den USA ausgehende Weltwirtschaftskrise im Oktober trifft Deutschland besonders hart und trägt dazu bei, dass die NSDAP im Jahr 1933 das „Dritte Reich“ etablieren kann.

Es kommt im Nachfolgenden zur schrecklichsten Zeit in der Geschichte dieses Landes.

Eine wahnsinnige Person nutzt die vorherrschende Situation aus, kann seine Wahnvorstellungen auf einen kleineren Teil der Bevölkerung übertragen.

Diese wiederum nutzt die neu gewonnene Autorität, um die Masse zu mobilisieren.

Gefördert durch die Macht einer, man kann es nicht anders formulieren, großartigen, wenn auch bösartigen Medienpolitik wird der Verstand des gemäßigten Teils der Bevölkerung manipuliert, die Anzahl der Mitläufer nimmt zu.

Die ökonomische Erholung und das damit verbundene bessere Leben hat ihr Ziel erreicht: Es wird nur noch partiell bemerkt, dass ein Unrechtssystem am Entstehen ist und gegen Ende der 30er Jahre das Morden in den Konzentrationslagern beginnt.

Das Wort „Mord“ ist allgemein eine sehr schwache Formulierung für das schier industrielle Töten von Menschen.

Das Terrorregime nutzt die Herrschaftsgewalt aus und strukturiert das System:

  • Die „Hitlerjugend“ (HJ) und der „Bund Deutscher Mädel“ gewinnen an Bedeutung, transferieren die Doktrinen der NSDAP in die Familie und in die Schulen.
  • Unterstützt durch ein primär national geprägtes Bildungssystem sowie durch eine Hitler und seine Schergen glorifizierende Medienpolitik formt sich ein Gemeinschaftsbild, das den Richtlinien der politischen Führung entsprechen muss.
  • Die „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo) benutzt den Zufluss an Macht, um die Bevölkerung einzuschüchtern, die Denunziationen nehmen zu.

Nur noch wenige Widerstandsgruppen sind vorhanden, das Böse obsiegt und unterdrückt mit teilweise schrecklichen Rechtsnormen die Bevölkerungen.

Deutschland und der 2. Weltkrieg

Der zweite Weltkrieg beginnt, die militärischen Erfolgen in den ersten Kriegsjahren führen zu einer Massenhysterie, die rationale Urteilsfähigkeit verliert an Bedeutung, man folgt dem „Führer“, das eigene Nachdenken ist sekundär, verliert an Bedeutung.

Die ersten Niederlagen, Söhne, Väter, Töchter und Mütter kommen von der Front nicht mehr zurück, Zivilisten verlieren in den deutschen Städten ihr Leben und die Angst beginnt aufs Neue:

„Wie kann das Leben weitergehen, wenn die Familie nicht mehr da ist, die Heimat zerstört wurde?“.

Angst und der Druck seitens der politischen Führung paaren sich, der vermutlich größte Teil der Bevölkerung verfällt in Lethargie, lässt sich treiben und denkt nicht mehr an den „Endsieg“.

Die eigene Existenz tritt wieder in den Vordergrund, das Gemeinschaftsdenken geht zurück:
„Hoffentlich ist bald alles rum“ und das normale Leben geht weiter.

Das Deutsche Reich kapituliert im Mai 1945, der Staat ist zerstört und die Entnazifizierungen beginnen. Es ist davon auszugehen, dass auch Denunziationen den Alltag prägen, so dass die Angst vor dem Anderen zunimmt.

Die Macht der Alliierten steigt und führt zu weiterem Druck, wobei besonders die Sowjetunion nach dem Krieg animalisch agiert, weiterhin Menschen tötet oder deponiert. Erst Mitte bzw. Ende der 50er Jahre werden die letzten, lebenden, Kriegsgefangenen in die Heimat freigelassen.

Deutschland wird erneut gespalten, verliert umfangreiche Gebiete; es entstehen zwei Staaten, die in den nächsten Dekaden ihre eigene Gesellschaft beeinflussen.

Im Westen von Deutschland beginnt der Wiederaufbau, der durch das Etablieren einer Sozialen Marktwirtschaft und unter Einfluss und praktischer Unterstützung der westlichen Alliierten zu einem auf der Welt vermutlich einmaligen ökonomischen Wachstum führt.

Die Menschen erlangen Eigentum, Freiheit und entwickeln ihre Persönlichkeit, der „Mief der Jahrzehnte davor“ (Herbert Rosendörfer) konnte abgestreift werden,

Die Gesellschaft befreite sich von den Zwängen der vergangen Jahrhunderte, wird liberal und bildet private Vermögenswerte.

Jetzt gilt es jedoch die materiellen und immateriellen Werte zu schützen, bevor sie wieder weggenommen werden.

Die aposteriorische Furcht vor dem Wegnehmen erscheint aus heutiger Sicht nachvollziehbar.


Im mittleren Deutschland, der Demokratischen Republik Deutschland (DDR), wird seitens der Staatsmacht konstanter Druck aufgebaut, die Bevölkerung soll sich dem „sozialistischen Ideal“ anpassen, dieses fördern und das Leben nach den kommunistischen Grundsätzen von Marx und Lenin führen.

Nach der Vereinigung ist der Wunsch nach Privateigentum, nach der Entfaltung der persönlichen Freiheit und das Kritisieren der politischen Entscheidungsträger in den Genen der Bevölkerung und führt zu konstantem Hinterfragen der aktuellen Politik, teilweise zu deren Ablehnung.


Die deutsche Geschichte ist wie wohl kaum eine andere in Europa von derartigem Wandel geprägt, so dass man das Verhalten und die Ängste der Bevölkerung nachvollziehen kann.

Willi Menzel