Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Für viele Menschen war dies ein Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, von Krieg, Terror und Verfolgung. Das darf nicht vergessen werden. Unter der Herrschaft Hitlers und des nationalsozialistischen Staates wurden entsetzliche Verbrechen begangen. Millionen Menschen wurden verfolgt, entrechtet, verschleppt und ermordet. Diese Taten dürfen niemals verharmlost, relativiert oder verschwiegen werden.

Trotzdem gehört für mich zu einer ehrlichen Erinnerung auch das Leid der unschuldigen deutschen Opfer.

Ich meine damit nicht die Täter. Ich meine nicht jene, die geplant, befohlen, gequält, geraubt und gemordet haben. Ich meine die Menschen, die ohne eigene Schuld in diesen Krieg und seine Folgen hineingezogen wurden: Kinder, Frauen, alte Menschen, Kranke, Flüchtlinge, Vertriebene und auch einfache Soldaten der Wehrmacht, die nicht aus Überzeugung mordeten, sondern oft sehr jung, unter Druck, Angst oder Pflichtgefühl an die Front mussten und dort starben.

Auch deutsche Städte wurden zerstört. Familien verloren ihre Väter, Söhne, Brüder und Freunde. Millionen Menschen waren auf der Flucht. Nach dem Krieg wurden Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Sie verloren ihre Häuser, ihre Dörfer, ihre Gräber und ihre Erinnerungen. Viele starben auf den Trecks, in Lagern, an Hunger, Kälte, Krankheit und Gewalt. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Menschen wurden erschlagen, misshandelt, gedemütigt oder einfach ihrem Schicksal überlassen.

Auch dieses Leid war wirklich. Auch diese Tränen waren echt. Auch diese Toten hatten Namen, Gesichter, Familien und Hoffnungen.

Wenn ich um unschuldige deutsche Opfer trauere, verharmlose ich nicht die Verbrechen des Nationalsozialismus. Ich entschuldige keine Täter. Ich spreche niemanden frei, der Verantwortung für Mord, Gewalt, Vertreibung, Terror oder Unrecht trug. Ich mache die Opfer anderer Völker nicht kleiner. Ich rechne Leid nicht gegeneinander auf.

Ich will nur sagen: Auch unschuldige Deutsche haben gelitten. Auch sie dürfen betrauert werden.

Ein deutsches Kind, das auf der Flucht erfror, nimmt keinem ermordeten jüdischen Kind seine Würde. Eine vergewaltigte deutsche Frau macht die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht kleiner. Ein junger deutscher Soldat, der in einem sinnlosen Krieg starb, spricht die Wehrmacht als Ganzes nicht frei.

Der 8. Mai ist für mich deshalb kein einfacher Tag. Er ist ein Tag der Erinnerung an das Ende des Nationalsozialismus. Er ist ein Tag, an dem die Verbrechen jener Zeit nicht verdrängt werden dürfen. Aber er ist für mich auch ein Tag, an dem Trauer um unschuldige deutsche Opfer ihren Platz haben darf.

Denn jedes unschuldige Opfer war ein Mensch. Jeder Mensch, der ohne eigene Schuld Leid ertragen musste, verdient Mitgefühl, Respekt und ein stilles Gedenken.