Der Fall Correctiv ist mehr als ein Streit über einzelne Formulierungen. Er zeigt, wie eine moderne Öffentlichkeit funktioniert, wenn moralische Erregung wichtiger wird als saubere Prüfung. Erst steht eine steile Behauptung im Raum. Dann folgen Medien, Politik und große Teile der Öffentlichkeit. Und am Ende wollen viele gar nicht mehr wissen, ob die zugrunde liegende Tatsachenschilderung überhaupt trägt, weil die Empörung längst ihren eigenen Zweck erfüllt.

Genau das macht den Komplex um das Potsdamer Treffen, Correctiv und den Begriff „Remigration“ so aufschlußreich. Das Landgericht Berlin II hat Correctiv in einem Verfahren der AfD-Politikerin Gerrit Huy drei Aussagen untersagt, darunter die zentrale Zuspitzung vom „Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger“. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Aber schon dieser Umstand reicht aus, um eine Frage mit neuer Schärfe zu stellen: Worauf gründete sich eigentlich die moralische Massenerregung, die damals Hunderttausende auf die Straße trieb?

Die Antwort ist unerquicklich. Sie gründete sich nicht nur auf ein reales Treffen. Sie gründete sich auf dessen Deutung. Genauer: auf eine zugespitzte, maximal alarmfähige Deutung, die in der Öffentlichkeit so behandelt wurde, als sei sie bereits die gesicherte Wirklichkeit selbst. Aus einer umstrittenen Interpretation wurde binnen kürzester Zeit eine moralische Gewißheit. Wer daran zweifelte, galt als verdächtig. Wer sie übernahm, durfte sich als Verteidiger des Guten fühlen.

So erzeugt man heute politische Wucht.

Bemerkenswert ist dabei, wie selten dieselben Menschen, die sonst unablässig Differenzierung fordern, im entscheidenden Moment noch differenzieren wollen. Sobald eine Erzählung stark genug emotionalisiert, reicht vielen ihre bloße Plausibilität. Ein Leitmedium formuliert zugespitzt, andere übernehmen den Rahmen, Politiker verstärken ihn, und in den sozialen Netzwerken wird daraus ein moralischer Imperativ. Schließlich marschieren Menschen im festen Glauben, sie hätten auf eine feststehende Wahrheit reagiert, obwohl sie oft nur auf eine wirkmächtige Interpretation reagiert haben.

Genau das ist der eigentliche Skandal.

Nicht einmal in erster Linie, daß Medien zuspitzen. Nicht einmal, daß Politik solche Zuspitzungen dankbar aufgreift. Der eigentliche Skandal ist die Bereitschaft einer großen Zahl von Bürgern, sich von einem hochmoralischen Deutungsangebot tragen zu lassen, ohne dessen Tatsachengrundlage ernsthaft zu prüfen.

Man kann das freundlich „Vertrauen in Leitmedien“ nennen. Man kann es sozialpsychologisch als Konformitätsdruck beschreiben. Man kann von moralischer Alarmmobilisierung sprechen. Aber am Ende bleibt der Befund unerquicklich schlicht: Viele Menschen wollten offenbar lieber auf der richtigen Seite stehen, als genau wissen, was überhaupt stimmt.

Darum geht es.

Nicht um eine Relativierung historischer Verbrechen. Nicht um billige Gleichsetzungen. Sondern um die beunruhigende Beobachtung, daß Menschen behauptete Vorgänge ungeprüft übernehmen, wenn diese emotional aufgeladen, moralisch eindeutig markiert und gesellschaftlich breit abgesichert erscheinen.

Gerade deshalb wäre etwas Demut angebracht. Wer heute so tut, als seien Massendemonstrationen automatisch Ausdruck aufgeklärter Urteilskraft, verwechselt Menge mit Wahrheit. Große Zahlen beweisen keine Richtigkeit. Lautstärke ersetzt keine Prüfung. Und moralische Selbstgewißheit ist kein Beleg dafür, daß die erzählte Geschichte in ihrer entscheidenden Zuspitzung auch wirklich stimmt.

Der Fall Correctiv muß deshalb als Warnung gelesen werden. Nicht nur für Journalisten, die mit großer Reichweite große Verantwortung tragen. Nicht nur für Politiker, die jede passende Erzählung in den Dienst ihrer Interessen stellen. Sondern auch für die Bürger selbst.

Denn eine freie Gesellschaft lebt nicht davon, dass ihre Bürger möglichst schnell auf das richtige Signal reagieren. Sie lebt davon, dass sie unterscheiden können zwischen Tatsache und Deutung, zwischen Bericht und Verdichtung, zwischen Empörung und Erkenntnis.

Die Lehre aus dem Fall ist daher ebenso schlicht wie unbequem:
Nicht jede Massenmobilisierung ist Ausdruck von Aufklärung.
Manche ist nur der Beweis dafür, wie leicht sich Menschen mit einer zugespitzten Geschichte in Bewegung setzen lassen.