Mir ist bekannt, dass manche wieder lemminggleich auf die Barrikaden gehen werden, noch bevor sie diesen Beitrag vollständig gelesen oder überhaupt begriffen haben. Genau das ist allerdings Teil des Problems: Es wird sofort moralisiert, empört und etikettiert, aber kaum noch sauber unterschieden.
Der Begriff „Nationalismus“ ist dafür ein Paradebeispiel.
Kaum fällt das Wort, ist für viele das Urteil schon gesprochen. Nationalismus gilt dann automatisch als rückständig, gefährlich, moralisch verdächtig. Wer nationale Interessen betont, wer den Staat zuerst gegenüber den eigenen Bürgern in der Pflicht sieht oder wer kulturelle Kontinuität nicht für beliebig austauschbar hält, wird schnell in eine dunkle Ecke gestellt. Nicht, weil seine Position sauber geprüft wurde, sondern weil ein belasteter Begriff genügt, um ihn sprachlich unter Verdacht zu stellen.
Genau hier beginnt die Manipulation.
Denn nicht alles, was heute als Nationalismus beschimpft wird, ist tatsächlich Nationalismus im problematischen Sinn. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen legitimer Interessenpolitik und ideologischer Überhöhung der Nation. Es gibt einen Unterschied zwischen Staatsräson und Chauvinismus. Und es gibt vor allem einen Unterschied zwischen der Bevorzugung des Eigenen und der Verachtung des Anderen.
Ein Staat, der zuerst an Sicherheit, Wohlstand und Stabilität seiner Bürger denkt, erfüllt keinen moralischen Makel, sondern seinen Auftrag. Politik ist nicht dazu da, sich in selbstgefälliger Gesinnungsethik zu erschöpfen. Sie hat dem eigenen Gemeinwesen zu dienen. Wer bereits das für anrüchig hält, hat entweder ein unerquicklich schiefes Verhältnis zu Staatlichkeit oder verfolgt ganz bewußt eine politische Verschiebung.
Natürlich gibt es einen Nationalismus, der zu Recht abzulehnen ist: dort, wo aus Verbundenheit Überheblichkeit wird, wo andere Völker abgewertet, Zugehörigkeit ethnisch verengt und das Nationale über Recht und Würde gestellt wird. Diese Form ist gefährlich und muß klar benannt werden.
Aber gerade deshalb ist es unredlich, jeden Verweis auf nationale Interessen mit demselben Begriff zu belegen. Wer das tut, betreibt keine Aufklärung, sondern Framing. Er benutzt einen historisch belasteten Begriff, um legitime Positionen moralisch zu vergiften. Aus Argumentation wird dann Verdächtigung, aus Debatte eine sprachliche Vorverurteilung.
Und genau das geschieht heute ständig.
In Medien und Politik wird „Nationalismus“ oft nicht analytisch gebraucht, sondern taktisch. Der Begriff soll nicht erklären, sondern diskreditieren. Wer sagt, ein Staat müsse seine Grenzen kontrollieren, seine Sozialsysteme schützen oder seine wirtschaftliche Substanz bewahren, soll nicht mehr als vernünftiger Interessenvertreter erscheinen, sondern als jemand mit moralischem Makel.
Das ist bequem, billig und intellektuell schwach.
Denn so spart man sich die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Inhalt. Man muß dann nicht mehr prüfen, ob eine Position vernünftig, tragfähig oder demokratisch legitim ist. Es genügt, sie mit dem Schatten eines Begriffs zu überziehen, der schwer genug belastet ist, um jede Debatte sofort schief zu stellen.
Deshalb ist die Unterscheidung so wichtig:
Nicht jeder, der das Eigene bewahren will, ist ein Nationalist im verwerflichen Sinn.
Nicht jeder Vorrang nationaler Interessen ist moralisch verdächtig.
Und nicht jeder, der den Staat an seine Pflicht gegenüber den eigenen Bürgern erinnert, gehört bereits in die ideologische Schmuddelecke.
Manchmal liegt der eigentliche Missbrauch nicht in der Betonung nationaler Interessen, sondern in der absichtsvollen Entstellung dieses Gedankens.
Wer jeden Vorrang nationaler Interessen reflexhaft „Nationalismus“ nennt, will meist nicht verstehen, sondern verurteilen. Er ersetzt Argumente durch Etiketten und Diskussion durch moralische Einschüchterung. Das ist keine intellektuelle Stärke, sondern ein Zeichen politischer Unredlichkeit. Ein Land, das sich dafür schämen soll, zuerst an seine eigenen Bürger zu denken, ist bereits tiefer verrutscht, als viele wahrhaben wollen.
